Da stieg mir die Schamesröte ins Gesicht
Der Aufruf zur Blogparade "Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag" von Susanne Wagner rief mir gleich eine Szene zu Beginn meiner Arbeit in einer psychosomatischen Klinik ins Gedächtnis. Sie prägt mich bis heute.
„In meiner Klinik schreiben wir „Tinnitus“ immer noch mit zwei N!“
Im kleinen Stationszimmer wurde es ruhig. Die Pflege und auch ein Kollege schauen betreten weg. Mir steigt die Schamesröte ins Gesicht. Der Chefarzt hielt mir noch einen Vortrag über ordentliche Aktenführung und Prüfung der Akten.
Betroffen sah ich nach unten. Im Beisein der anderen konnte ich keine gute Gegenantwort geben. Ich wußte, dass der Chef auf Gegenwehr im Beisein anderer sensibel reagierte.
„Ich werde es mir merken.“ war alles was ich sagte.
In meinem Kopf: „Sch…., jetz habe ich einen schlechten Eindruck gemacht. Jetzt muss ich aufpassen. Ich bin doch in der Probezeit. Was, wenn die Patienten in der Visite erzählen, dass ich viele Schreibfehler in der Edukationsstunde mache?. Ich habe einen „Doktor“, da muss ich doch beser sein. Er wird denken, was für eine Niete er da angestellt hat.
Es war die Zeit, wo Akten noch per Hand geführt wurden. Jedes Einzelgespräch, jedes Gruppengespräch musste dokumentiert werden. Unleserlich zu schreiben (mehr als normal) kam nicht in Frage, wie mir der Chef ja gleich sagte von wegen Prüfung durch den MDK.
Die Zeit um bei Unsicherheit irgendwo nachzuschlagen oder im Stationszimmer zu goggeln war nicht da. Jedesmal jemanden Fragen? Hmm, schwierig.
In den Patientengruppen entschied ich mich für ein offensives Vorgehen. „Die Rechtschreibung und ich, wir haben ein schwieriges Verhältnis. Wenn ich was Falsch schreibe, dürfen Sie es gerne richtig schreiben und mich auch darauf hinweisen.“ Das hat super funktioniert und ich wurde nicht weniger respektiert. Die Rückmeldungen der Patienten war, wie mutig sie es fanden, dass ich so offen mit dieser Schwierigkeit umging. Und für manchen war es Selbstwertsteigernd, dass er besser schreiben konnte als ich.
Mit der großen Hürde des Schreibens von Entlassbriefen konnte ich umgehen, da Briefe diktiert worden sind. Erst habe ich die Briefe vorgeschrieben, doch dann wurde ich sicherer im diktieren. Dies ist bis heute eine große Erleichterung für mich.
So und nun mein Chef und die handschriftlichen Akten. Der beste Weg war, offen mit ihm zu reden. Also habe ich mir mit klopfenden Herzen einen Termin bei ihm geholt. Ich habe ihm von meiner Lese-Rechtschreibschwäche mit Schwerpunkt auf Rechtschreibung erzählt. „Das erklärt natürlich vieles. Warum haben Sie das nicht schon früher gesagt?.“
„Weil es mir peinlich und unangenehm war.“
Wir haben uns dann darauf geeinigt, das so lange der Inhalt verständlich ist, die Rechtschreibung zweitrangig ist. Er konnte auch sehen wir unangenhem es ist, wenn er mich so vor anderen vorführt. Es war ein gutes Gespräch. Wir haben lange Jahre eine gute Arbeitsbeziehung gehabt. Auch noch nach meinem Weggang sind wir in Kontakt geblieben. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit in der ich viel gelernt habe.
Für mich ist es seitdem wichtig, Schwierigkeiten im Vier-Augen-Gespräch anzusprechen und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Übrigens habe ich „Tinnitus“ nie wieder falsch geschrieben!
Dieser Text entstant für die Blogparade Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag von Susanne Wagner.