"Die Therapeutin war wie eine Marionette"
Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist der wichtigste Erfolgsfaktor für eine Therapie. Von Fallstricken und Lösungen.
Sehr enttäuscht berichtet mir die Patientin mit diesen Worten von ihrer letzten therapeutischen Erfahrung. Was war passiert? Die Patientin hat sich sehr gefreut, daß eine kassenzugelassene Psychotherapeutin sich in ihrer unmittelbarer Nähe niederließ. Die Patientin bekam auch schnell Termine zu probatorischen Sitzungen. In der ersten Sitzung ging es viel um die Symptomatik. Die Patientin war etwas überfordert ihre Symptome auf einer Skala einzuschätzen. Insgesamt fand sie die Sitzung aber okay. In der zweiten Sitzung war sie völlig aufgelöst und am Weinen aufgrund einer belastenden familiären Situation. Die Therapeutin hörte, aus der Wahrnehmung der Patentin, kurz zu, fragte nichts nach und wechselte bei nächster Gelegenheit das Thema wieder Richtung Symptome und deren Validierung. Hier verlor die Therapeutin die Patientin. Den dritten Termin sagte die Patientin dann ab.
Diese Beschreibung zeigt sehr eindrücklich wie wichtig gerade zu Beginn einer Psychotherapie der Beziehungsaufbau ist.
Die therapeutische Beziehung nimmt insbesondere im klinischen Alltag als auch in der Psychotherapie-Forschung eine wichtige Rolle ein. In zahlreichen empirischen Studien konnte ein Zusammenhang zwischen der therapeutischen Beziehung und dem Therapieerfolg nachgewiesen werden (u. a. Orlinsky, Grawe & Parks, 1994, Horvath & Symonds, 1991). zitiert nach https://www.klaus-grawe-institut.ch/archiv/die-therapeutische-beziehung-als-zentraler-wirkfaktor-der-psychotherapie/#
Die therapeutische Beziehung ist mit der stärkste Wirkfaktor in Psychotherapie und massgeblich am Erfolg oder Mißerfolg beteiligt, unabhängig von dem therapeutischen Verfahren und konkreten Methoden.
Was eine gute therapeutische Beziehung ausmacht, dazu gibt es mehrere Ansätze.
Wichtige Merkmale einer guten therapeutischen Beziehung aus Patientensicht sind unter anderem Vertrauen, Einfühlungsvermögen, Sympathie, genügend Zeit, ein lösungsorientiertes Vorgehen sowie einen respektvollen Umgang (Hermer & Röhrle, 2008). zitiert nach https://www.klaus-grawe-institut.ch/archiv/die-therapeutische-beziehung-als-zentraler-wirkfaktor-der-psychotherapie/#
Aus Sicht der oben beschriebenen Patientin vermisste sie sowohl das Einfühlungsvermögen wie auch den respektvollen Umgang mit der aktuellen Situation und ihrer Befindlichkeit.
Wir als Therapeuten dürfen nicht vergessen, daß wir von dem Patienten gerade in den ersten Stunden viel verlangen. Mein Gegenüber kennt mich nicht, weiß wenig über mich und soll mir gegenüber - als Fremdem - offen sein und möglichst viel von sich preisgeben. Außerdem werden wir in unserer Therapeutenrolle als Autoritätsperson und damit nicht auf der gleichen Ebene wie der Patient von diesem wahrgenommen. Auch haben viele der Menschen die in Therapie kommen nicht immer positive Beziehungserfahrungen gemacht und sind entsprechend vorsichtig oder schützen sich.
Deshalb ist es gerade am Anfang wichtig dem Patienten Raum zu geben. Ihn mit seinen Befindlichkeiten ernst zu nehmen, auch wenn wir uns als Therapeut ein anderes Thema vorgenommen haben.
In meinem ersten Praktikum in einer psychosomatischen Rehaklinik durfte ich mit einem Patienten die Anamnese erheben. Ich wollte meiner mich betreuenden Therapeutin zeigen, dass ich das gut kann. Dabei vergaß ich aber die wichtige Vorarbeit um eine Basis dafür aufzubauen. Der Patient, ein gestandener Mitfünziger, und ich: klein, sehr jungaussehend mit Mitte 20. Er nahm mich nicht ernst und fühlte sich auch nicht ernstgenommen. Heute kann ich rückblickend auch sehen, dass er sich an eine Praktikantin abgeschoben sah und gekränkt war. Er mochte mir nichts von sich erzählen. Ich bekam eine Anamnese aus reinen Fakten und Daten wie ein Lebenslauf. Ich war unzufrieden und frustriert. Wie sähe die Vorarbeit denn aus? Heute würde ich die Situation benennen und Fragen wie er diese Sitaution findet. Dann habe ich die Chance das Ernst zu nehmen und ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen. So hätte ich den Patient ins Boot holen können. Ich bin immer mal wieder überrascht was für einen starken Effekt das Beschreiben und Bennenen einer Sitaution in einer Therapiesitzung haben kann.
Ein aus meiner Sicht wichtiger Punkt ist es, sich für den Patienten zu interessieren, zugewandt nachzufragen. Wenn ein Patient, wie die oben genannte Patientin, weint, dann ignoriere ich das nicht, sondern benne es und sage auch, daß es völlig in Ordnung ist. Viele Patienten schämen sich ihrer Tränen. Auch das reichen eines Taschntuchs ist Wertschätzung. Ein therapeutischen "Hmmhmm" ist mir hier zu wenig.
Ein anderer Patient (gerade aus einer psychosomatischen Reha zurück) berichtete, sich mit seiner recht jungen Therapeutin schwergetan zu haben. Diesmal lag die Schwierigkeit woanders. In der Anamnese berichtete der Patient von einer belastenden Situation als er einen Atommülltransport begleitete. Die Therapeutin konnte mit Castortransporten nichts anfangen. Sie kannte die Begebenheit nicht, sie war einfach zu jung. Natürlich können wir als Therapeuten nicht alle geschichtlichen und politischen Begebenheiten kennen. Der Patient nahm die Therapeutin als völlig erstaunt und übertrieben bewertend war. Sein Gedanke „wenn sie das alles nicht kennt und versteht, wie soll sie dann meine Lebensrealität verstehen und mich unterstützen?“ Damit hat er sich aus dem therapeutischen Prozeß zurückgenommen. Leider hat er seine Gedanken nicht der Therapeutin mitgeteilt.
Auch hier gilt aus meiner Sicht, nicht Wissen vorzutäuschen sondern interessiert nachzufragen und sich die Begebenheiten erklären lassen.
Ich habe während meiner Therapieausbildung in Görlitz gearbeitet an der polnischen Grenze. Als „Wessi“ kamen von Patienten oft die Aussagen „ Sie können das doch gar nicht beurteilen wie das war in der DDR zu leben.“ Manche Patienten waren voller Frust und enttäuscht keinen ostdeutschen Therapeuten zu haben. Manche eher unsicher was sie sagen dürfen. Ich konnte nicht alle gewinnen. Im Kliniksetting hatte ich ja auch nur 6 Wochen Zeit. Aber andere konnte ich trotz anfänglicher Skepsis überzeugen, indem ich mich für ihre Wahrnehmung interessiert habe.
In den letzten 20 Jahren habe ich meinen "Beziehungsmuskel" gut trainiert. Ich reagiere intuitiv und denke nicht mehr so viel über das "Wie mache ich das" nach. Aber es gab auch viele Mißverständnisse aus denen ich gelernt habe. Heute bekomme ich oft nach dem ersten Gespräch die Rückmeldung, dass die Patienten sich im Gespräch wohl gefühlt haben.
Wenn die Beziehung stimmt, dann kann ich in der Therapie auch schwierige Themen ansprechen und Patienten auch mit eigenen problematischen Verhaltensweisen konfrontieren.
Wenn Sie dies lesen als jemand der in Therapie ist, dann möchte ich Sie ermutigen ihrem Therapeuten mitzuteilen wenn Sie Zweifel haben oder sich nicht verstanden fühlen. Das ist völlig okay und kann für sie beide den therapeutischen Prozeß intensivieren.