Wie Wörter Realität erschaffen und was das mit Selbstgesprächen zu tun hat

Wie wir mit uns reden hat Auswirkungen! Darauf wie wir uns fühlen und wie wir auf andere reagieren. Sind wir auf dem Kriegsfuß unterwegs oder friedlich?

Wie Wörter Realität erschaffen und was das mit Selbstgesprächen zu tun hat
Photo by Andre Hunter / Unsplash

Paul Watzlawick beschrieb, dass Sprache Wirklichkeit erschafft. Unsere Wortwahl prägt, wie wir Situationen wahrnehmen und darauf reagieren. Dies habe ich im Kopf, wenn ich Patienten begegne. Dabei fällt mir ganz oft auf, wie kämpferisch, abwertend diese von sich und mit sich reden. „Ich könnte mich Ohrfeigen, dass ich das schon wieder falsch gemacht habe. Ich bin dumm wie Bohnenstroh!“ Wenn Sie jetzt glauben, so krass kann es ja nur eine selten auftretende Aussage sein, dann irren Sie sich. Tatsächlich höre ich so ähnlich gelagerte Aussagen öfter.

Ich habe dann ein Comicbild im Kopf, wo sich jemand mit einem Hammer andauernd selbst auf den Kopf haut.

Wenn es um den Aufbau von neuen Gewohnheiten geht muss oft der „innere Schweinehund bekämpft und besiegt“ werden.

Oder Patienten nehmen sich im Konkurrenzkampf mit dem Kollegen wahr. „Ich habe aufgegeben das nochmal anzugehen, den Kampf habe ich verloren.“ Im Ärger höre ich auch oft „...ich könnte sie an die Wand klatschen“

Sicherlich kennen Sie eine dieser Aussagen auch von sich selber. Achten Sie mal darauf wie viele Kampfbegriffe sie in Ihrem Sprachschatz haben. Wenn Sie neugierig sind, dann machen Sie sich mal einen Tag lang eine Strichliste. Auf die linken Seite kommt ein Strich, wenn Sie an sich herumnörgeln, sich abwerten oder kämpferische Beschreibungen benutzen. Auf die rechte Seite kommt ein Strich, wenn Sie sich etwas nettes sagen.

Wie sieht Ihre Liste am Ende des Tages aus?

Warum ist es so schwierig wohlwollend, friedlich, versöhnlich mit sich zu sein und mit sich zu reden? Häufig finden sich hier alte Muster wieder. Wie die Kommunikation in der Familie war und wie auch mit dem Patienten als Kind gesprochen wurde. Mit Selbstgesprächen managen und organisieren wir uns selbst. Was passiert, wenn Sie so kriegerisch mit sich reden, können Sie bei sich beobachten. Meistens führt es zu Anspannung, dem Gefühl des Versagens, nicht gut genug zu sein. In einer Depression wird diese Art des inneren Dialogs noch weiter perfektioniert. Auch bei anderen Störungsbildern ist diese destruktive Art der inneren Kommunikation zu finden. Nicht selten führt sie zu Selbstabwertungen, Versagensgefühlen, Ohnmachtsgefühlen und im Extremfall zu Suizidgedanken. “So etwas wie mich braucht die Welt nicht“.

Wegen dieser weitreichenden Auswirkungen ist es mir ein Anliegen von Anfang an in der Therapie einen wohlwollenden Umgang mit sich zu etablieren. „Wie würden Sie mit Ihrer besten Freundin in solch einer Situation reden?“ ist eine Frage, die einen ersten Perspektivwechsel herbeiführen kann.

Mit der Frage wie es möglich ist Frieden mit sich selber zu schließen hat sich Luise Reddemann beschäftigt. In ihrem Buch Imagination als heilsame Kraft (Lebenlernen S. 141 bei Klett Cotta 2001) gibt es eine Übung die das Bewusstsein für sich selbst nach und nach verändern kann.

Erinnern Sie sich an eine Situation in Ihrem Leben, in der Sie sich ganz in Frieden mit sich gefühlt haben, also im Einklang mit sich selbst. Erinnern Sie sich an so viele Einzelheiten, wie Sie brauchen, um diese Empfindung noch mal spüren zu können...Und jetzt denken Sie an eine Situation aus den letzten Tagen, wenn es die gegeben hat, sonst weiter zurückliegend, wo Sie sich uneins mit sich, in Unfrieden mit sich selbst, gefühlt haben. Und wieder erinnern Sie sich der Einzelheiten, die Sie benötigen, damit Sie auch das spüren können…
Und jetzt stellen Sie sich vor, dass der Teil, der in Frieden mit sich sein kann, zu dem anderen, der in Unfrieden mit sich ist, hingeht und mit ihm einen freundlichen, liebevollen, akzeptierenden Kontakt aufnimmt. Durch Worte oder Berührungen oder durch beides, so wie es für Sie stimmig erscheint...Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie diese beiden Ichs in Ihr Herz hineinnehmen. Denn im Grunde sind Sie das alles. Das Ich von heute umschließt beide Zustände. Und dann können Sie sich vorstellen, dass Sie eingehüllt sind, umschlossen sind von einem Licht, das für Sie Frieden bedeutet…

Ich mag die Vorstellung mit den unterschiedlichen Teilen gemeinsam gemütlich am Tisch zu sitzen und sich zu unterhalten. Beide Seiten wollen sich verstehen und dann einen gemeinsamen Weg beschreiten. Viele Patienten meinen sie müssten sich um 180 Grad wenden und verändern. Darum geht es nicht. Es geht darum zu verstehen, in welche Stimmung es Sie versetzt, je nach dem wie Sie mit sich reden. Nicht nur, dass Sie sehr angespannt sind, wenn sie abwertend und überkritisch mit sich sind, sondern Sie reagieren auch auf Ihr Umfeld entsprechend. Wenn Sie im „Kampfmodus“ mit sich sind dann nehmen Sie auch Äußerungen aus Ihrem Umfeld als Abwertung oder Angriff wahr. Und reagieren entsprechend. So erleben Sie wahrscheinlich häufiger Streit in der Familie oder Konflikte am Arbeitsplatz, ohne das Ihnen der Prozeß wie es dazu kam, klar ist.

Also kann das Erkennen und Verändern der Art wie Sie mit sich sprechen auch zu einer Veränderung in Ihrem Umfeld führen. Das löst nicht alle Konflikte, aber sie sind weniger angespannt und gereizt und können dann auch anders reagieren.

Eine wertschätzende Kommunikation mit sich selbst kann das Selbstbewußtsein stärken und helfen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und dann auch klarer zu vermitteln. Und es unterstützt auch darin sich nicht sofort angegriffen zu fühlen.

Hier setzt z.B. die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg an:

Viele Konflikte drehen sich um die Frage, welche Strategie denn die richtige sei. Gewaltfreie Kommunikation stellt eine andere Frage: welches Bedürfnis versucht sich der Mensch mit dieser ausgewählten Strategie zu erfüllen? Wenn wir dieses erkennen, können wir gemeinsam nach einer Strategie suchen, die niemandem schadet. Unsere Bedürfnisse verbinden uns. Unsere Strategien jedoch können uns trennen, da sie z.B. in einer bestimmten Situation, einer Kultur, einer Religion oder einem anderen relativen Kontext entwickelt wurden.
GFK lädt dazu ein, sich dieser Muster und Prägungen sowohl persönlich als auch als Gruppe oder für Systeme bewusst zu werden. Ziel ist es, lebensdienliche Systeme zu entwickeln und dabei eine Sprache zu sprechen, die uns wirklich berührt und Begegnung möglich macht.

Nicht nur in der Therapie ist es ein wichtiger Schritt sich bewußt zu machen wie wir mit uns reden und damit auch auf andere reagieren. Wenn wir wertschätzender und versöhnlicher mit uns umgehen, dann können wir dies auch mit anderen. Dann ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines friedlicheren miteinanders gemacht.

Wer mit sich selbst im Frieden lebt, denkt von niemandem Arges.

Thomas von Kempen (um 1380 - 1471).

Dieser Text enstand auf Anregung der Blogparade #Frieden_2026 von Lydia Gajewsky.